er Mensch unterliegt Veränderungen, aber er macht nicht immer den
Mund auf, um diese seiner Umwelt mitzuteilen - sofern er selbst in Worte
fassen kann, dass er sich verändert. Dom glaubt, seinen Sub und seine
Reaktionen zu kennen, und er glaubt, das Ausmaß des Devotismus oder
Masochismus seines Subs einschätzen zu können. Daher mag er verwundert
reagieren, wenn Sub sich - zumindest für Dom - aus heiterem Himmel anders
verhält.
Hallo?
Wie gesagt, Sub verändert sich. Am Anfang, wenn er lernt zu begreifen, dass
er auf die passive Seite gehört, sucht er sich eine der "Schubladen" aus, in
die wir SMler uns nur allzu gern stecken und stecken lassen. Er liest eine
Menge, wie der "devote" oder "masochistische" Sub zu sein hat, und wenn er
glaubt, das eine oder andere zu sein, passt er sich dem an. Er stuft seine
Wünsche als unerfüllbar ein, weil ein devoter oder masochistischer Sub dies
oder jenes eben nicht tut oder nicht zu tun braucht oder nicht tun darf.
Hinzu kommt noch die Erwartungshaltung des Doms. Dieser
sucht sich seinen Sub nach dessen Neigung aus, und er wünscht, dass dieser
sich so verhält, wie es der allgemeinen Definition entspricht. Dahinter
steckt keine böse Absicht. Nur mangelnde Kommunikation und Voraussetzen einer
angenommenen Tatsache. Es würde ihm nicht in den Sinn kommen, seinen Sub
plötzlich völlig anders zu behandeln, weil dies nicht seiner Neigung
entspricht.
Mit der Zeit lernt Sub, dass mehr in ihm steckt. Er wächst über die
Definition, das Klischee, die Schublade hinaus. Er will anders spielen,
anders behandelt werden, und er wäre ihm am liebsten, wenn sein geliebter Dom
von allein darauf kommt. Leider findet er die Worte nicht, ihm mitzuteilen,
dass er andere Wünsche als zuvor hat, weil er selbst nicht weiß, was da auf
einmal mit ihm los ist, wo er doch bisher mit der Art zu spielen zufrieden
war.
Oder er traut sich einfach nicht. Er will das Risiko nicht eingehen, dass
sein Dom frustriert reagiert, etwa mit den Worten "ich dachte immer, unser
Spiel gefällt dir". Sub weiß nicht, wie er seinem Dom erklären soll, dass er
keine Wendung um 180 Grad vollziehen will, sondern nur etwas mehr, etwas
Neues. Dom hat alles richtig gemacht, sofern und gerade wenn er sich an
frühere Abmachungen gehalten hat. Und trotzdem - Sub hat festgestellt, dass
ihm etwas fehlt, und er wünscht sich, dass sein Dom diese Lücken ausfüllt. Im
schlimmsten Fall geht Sub das Risiko ein, dass Dom die Beziehung beendet,
wenn er sich nicht vorstellen kann, über seinen Schatten zu springen, seine
eigenen Neigung zurückstellen - oder seine Schublade zu verlassen.
Und nun?
Wie sollte, wie kann Dom reagieren, wenn ihm auffällt, dass sein Sub
unvermutet anders reagiert als zuvor, wenn er das Spiel unerwartet abbricht
oder eben nicht? Das Naheliegendste ist - nachfragen und zuhören. Natürlich
könnte er so weitermachen wie bisher, aber ist ihm an einem Sub gelegen, dem
das Spiel keinen rechten Spaß mehr macht, weil ihm irgendetwas fehlt und sei
es "nur" die Verwirklichung seiner Sehnsüchte? Nein, der Dom an sich ist kein
Erfüllungsgehilfe, und der Sub an sich weiß das auch. Sub will keinesfalls
anweisen oder vorschreiben, wie gespielt wird. Wenn Dom die Wünsche nicht
erfüllen will, auch gut. Dann wird eben weiter so wie bisher gespielt, und
Dom hat einen Sub, der nicht völlig zufrieden ist. Wenn ihm das genügt,
braucht er nicht nachzufragen, was denn mit Sub los sei.
Ist Dom aber daran gelegen, dass sein Sub mit Freude spielt und die
gemeinsame SM-Beziehung voll und ganz genießt, sollte er vielleicht darüber
nachdenken, ob das, was Sub sich vorstellt, für ihn selbst wirklich rundweg
utopisch ist. Ist es völlig unmöglich, dass Dom Sub schlägt und Schmerzen
zufügt, ohne dass dieser lustvoll reagiert, sondern einfach nur leidet? Ist
es undenkbar, dass Sub offen ausspricht, was er mag und was nicht? Muss Sub
eine bestimmte Reaktion "liefern", ohne die Dom das Spiel nicht genießen
kann? Ist Dom so unflexibel?
Oder könnte es sein, dass er selbst Spaß daran findet, wenn er auf seinen Sub
eingeht und sich auf eine andere Art zu spielen einlässt? Und wenn der Spaß
nur darin liegt, zu sehen, wie sein Sub sich windet, leidet, jammert und sich
nicht wehrt bzw. seine Meinung äußert und nicht länger völlig
willenlos ist? Sollte Doms Ziel nicht darin liegen, einen zufriedenen Sub zu
haben, auch wenn er dafür seine Schublade verlässt?