Sadomasochismus

Begriff

Unter Sadomasochismus versteht man einen sexualwissenschaftlichen Begriff, der 1907 von Richard Krafft-Ebing eingeführt wurde, der ihn aus dem Werk des französischen Schriftstellers Marquis Donatien de Sade (geb. 1740, gest. 1814) und des österreichischen Novellisten Leopold Ritter von Sacher-Masoch (geb. 1836, gest. 1895) abgeleitet hatte.
Sadomasochismus bezeichnet zunächst einmal sexuell abweichende Verhaltensweisen, die relativ selten vorkommen (z.B. im Vergleich zur Homosexualität), relativ schwache gesellschaftliche Sanktionen hervorrufen und keine Tendenzen zur Bildung sexueller Subkulturen zeigen. Sadomasochistische Darstellungen gehören teils in den Bereich der Pornografie (Bilder, Filme, sadomasochistische Geräte und Werkzeuge) und teilweise auch in den der Kunst.

Bildung aus Sadismus und Masochismus

Unter Sadismus kann allgemein verstanden werden: sexuelle Erregung und Befriedigung, die durch Zufügung von Schmerzen, durch Misshandlung und Erniedrigung bei demjenigen eintritt, der diese Handlungen an einem Partner vornimmt. Im erweiterten Sinne versteht man unter Sadismus den Lustgewinn durch Quälen und Demütigung anderer Menschen, wobei unter die Ätiologie unbewusste Kastrationsängste fallen.
Unter Masochismus ist zu fassen die sexuelle Erregung durch Erleiden und Erdulden von Schmerzen, Qualen und Erniedrigungen. Im erweiterten Sinne versteht man unter Masochismus den Lustgewinn, der von Schmerzen, Zurücksetzung, Enttäuschung oder Erniedrigung stammt.

Sadomasochistische Interaktion

Das Charakteristische dieser sexuell abweichenden Verhaltensweisen ist der Gesamtverlauf der sadistischen, masochistischen, meist sadomasochistischen Interaktion, auf deren "spielerischen" Zug bereits Sigmund Freud (1924) und in neuerer Zeit Schorsch (1971) hingewiesen haben. Phänomenologisch ist die Psychopathologie des sadomasochistischen Arrangements im Rollenverhalten durch folgende typische Merkmale gekennzeichnet: es hat Spielcharakter mit "Spielregeln" und "Rollen" (z.B. Herr und Sklavin bzw. Domina und Sklave), die alle Voraussetzungen des Fiktiven erfüllen (sie sind verfügbar, lassen sich beliebig wieder abstreifen, Fehlen von Engagement und Verbindlichkeit, Kühle und Affektfreiheit beim "Bestrafen"), wobei das Fiktive des Rollenhaften immer bewusst bleibt.
Das Entscheidende dabei ist die Fiktion des völligen Ausgeliefertseins bzw. Beherrschens, das Zufügen oder Erleiden von physischem Schmerz kann auch fehlen. Die überragende Bedeutung der Fantasie für den Sadomasochismus wurde früh erkannt, jedoch verschieden erklärt: in neuerer Zeit von psychiatrisch-sexologischer Seite aus dem fiktiven Charakter solcher Spiele, von psychoanalytischer Seite aus der Psychogenese und Psychodynamik der Persönlichkeit, die masochistischen Masturbationsfantasien vor allem als Abwehr der Ängste und Schuldgefühle, welche die "Endlust" blockieren.

Kriminologische Komponente

Kriminologisch tritt der Sadomasochismus relativ selten in Erscheinung. Bei den umfangreichen Untersuchungen von Sexualtätern durch das Kinsey-Institut fand sich kein einziger moderner "de Sade". Der Sadomasochismus - eng definiert - als Interdependenz und Interaktion im fiktiven Rollenspiel von Sadisten und Masochisten ist eine sexuelle Devianz, die in aller Regel nicht gleichzusetzen ist mit sexueller Aggressivität, Brutalität bei Vergewaltigungen oder bei sadistischen Tötungsdelikten. Mord als integrativer Bestandteil sexueller Befriedigung (z.B. an einem Kind) wird von sexualwissenschaftlicher Seite als ein Phänomen im Verhältnis von 1:1 Million geschätzt. Sadistische oder masochistische Masturbationsfantasien finden sich - verglichen mit anderen Gruppen von Sexualtätern - offensichtlich am häufigsten bei Sexualdelinquenten, die das Delikt gewaltsam oder mit Drohungen begangen haben.

Ätiologie des Sadomasochismus

Sexuelle Perversion nach Freud

Freud sah im Sadomasochismus eine sexuelle Perversion infolge einer durch Schuldgefühle bedingten oder durch Kastrationsängste verursachten Fixierung an eine ursprünglich normale aktive bzw. passive Einstellung zum Sexualleben und Sexualobjekt, die dann übertrieben wird und Ausschließlichkeitscharakter erlangt. Er nahm ursprünglich an, dass der Masochismus aus dem Sadismus - vis Regression vom Objekt auf das eigene Ich und auf prägenitale Stufen der frühkindlichen Sexualentwicklung - hervorgehe und nichts anderes sei als eine Fortsetzung des Sadismus in Wendung gegen die eigene Person, die dabei zunächst die Stelle des Sexualobjekts vertritt.
Das ätiologische Konzept des Sadomasochismus ist eng verbunden mit der psychoanalytischen Theorie der frühkindlichen Sexualität und der psychoanalytischen Neurosenlehre. Spätere Revision und Differenzierung des Masochismus geht von drei Hauptformen mit komplizierten Hypothesen aus.

Erogener Masochismus

Hierbei handelt es sich um einen Teil des im Innern des Organismus verbleibenden Todestriebs, der libidinös gebunden ist und alle Phasen der Libido-Entwicklung durchmachen kann. Der erogene Masochismus, auch als Schmerzlust bezeichnet, liegt den beiden übrigen Formen zu Grunde.

Femininer Masochismus

Hierbei handelt es sich um den Ausdruck einer für die Weiblichkeit an sich charakteristischen Situation und des "femininen" Wesens = Kastriertwerden, Koitiertwerden oder Gebären.

Moralischer Masochismus

Hierunter versteht man die Befriedigung eines unbewussten Schuldgefühls bzw. Strafbedürfnisses des Ichs. Der moralische Masochismus bleibt der Person in aller Regel verborgen, die Beziehung zur Sexualität ist gelockert, auf das Leiden selbst, auf Erniedrigung, Demütigung oder Selbstkasteiung kommt es an, und zwar ganz gleich, ob diese von einer geliebten, gleichgültigen Person oder von anonymen Mächten "verhängt" werden (Asketizismus, Mönchtum, Mystiker). In schweren Fällen von moralischem Masochismus, in denen überhaupt keine Verbindung zur Sexualität nachweisbar und das Selbstquälen der betreffenden Person überhaupt nicht bewusst ist, kann nicht von sexueller Perversion gesprochen werden.
CN

Krafft-Ebing, Richard

Richard Krafft-Ebing, Freiherr von (1840-1902), deutscher Psychiater, Mitbegründer der Sexualkunde.

 
 
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